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Wenn man erkannt hat, dass man in einem Loch ist, in dem das Licht nicht ausreicht, um schreiben zu können, macht man sich daran aus dem Loch zu klettern, wenigstens so hoch, dass man wieder schreiben kann. Ich glaube daran, dass man absolut gnadenlos mit sich umgehen muss, wenn man schreibt. Jeden Schlag muss man bereits vor allen anderen gegen sich selber führen, den Vorteil nutzen sich selbst am Nächsten zu sein und mit sich ins Gericht gehen, bevor die anderen das tun können (diese Worte werden mich irgendwann aufessen). Wie dem auch sei: mein Versuch für das diesmonatige Wort des Projekt .txt.


König Nihil kommt zu Besuch und bringt Ouzo mit

Ich habe mich entgegen den Ratschlägen des Bestatters für eine Aufbahrung im kleinsten Kreis entschieden. Deine Lebensgefährtin und ich treffen uns mit dem, einen schwarzen Rollkragenpullover tragenden, Bestatter vor dem Institut. Ich rieche sein Aftershave und sehe ganz genau, wo er sich beim Rasieren geschnitten hat, zähle die Vertiefungen und Krater der Aknenarben wie andere Perlen an ihrem Rosenkranz. Wir gehen gemeinsam in den Vorraum. Der Bestatter weist uns ein, spricht einige ermahnende Worte, will uns ein letztes Mal umstimmen den Verstorbenen so in Erinnerung zu halten, wie wir ihn gekannt haben und ungesehener Dinge wieder nach Hause zu gehen. Doch jede Faser meines endlichen Körpers schreit nach diesem Sinneseindruck. Als ich geboren wurde, denke ich mir, gebar meine Mutter zwei Wesen, mich und meinen gasförmigen Zwilling, die Perversion, die Reizüberflutung, die Sinnlosigkeit allen Tuns. Wir wollen diese Erfahrung, mein Zwilling und ich wollen sehen, was auch immer mit dir geschehen ist. Der Bestatter bemerkt mein Starren und deutet es richtig: seine Überzeugungsversuche fallen in das schwarze Loch meiner Amygdala. Er nickt und lässt uns alleine. Deine Lebensgefährtin redet auf mich ein, ihre Stimme zittert, Tränen steigen ihr in die Augen, sie wiederholt, paraphrasiert, spult das ab, was sie bereits in den letzten Tagen abgespult und paraphrasiert hat: wir gehen getrennt hinein, ich würde die Zeit alleine sicherlich brauchen, um Abschied zu nehmen, sie denkt, dass sie mir einen Gefallen damit tut, dass sie uneigennützig handelt. Ich lasse ihr den Vortritt, fahre ihr sachte ins Wort mit einem höflichkeitsglasiertem „Möchtest du zuerst gehen?“, was sie wie aus einem Albtraum sachte hochschrecken lässt und dazu veranlasst automatisch in den Aufbahrungsraum zu gehen. Ich atme tief auf, als sie die Tür hinter sich schließt und setze mich auf den mattschwarzen IKEA-Plastikstuhl ADDE und schlage mein rotes Notizbuch auf. Mein Kopf ist kurz davor zu platzen und muss defragmentiert werden. Ich muss schreiben, alles aufschreiben. Die Formation der Aknenarben, die mit Schweiß vermischt wie das Mare Fecunditatis aussehen, das mich das Gesicht deiner Lebensgefährtin an einen Maulesel erinnert, das ich bereits alle Löcher der Rückenlehne meines Stuhls gezählt habe (es sind fünf mal zwölf, also sechzig Löcher), dass die Wand nicht ganz gleichmäßig weiß gestrichen ist, das König Nihil seit einiger Zeit in der Ecke steht und nur darauf wartet, dass ich einen Gedanken denke, an dem er sich festkrallen kann.
Da ist er.
Du bist endlich, du wirst sterben. Egal wie prätentiös du darüber schreibst, welche rhetorischen Strategien oder Winkelzüge du dir auch ausdenken magst, selbst der klägliche Versuch dich mit diesem Text ein wenig unsterblich zu machen, sind letztendlich sinnlos. Meine Armee besteht aus Fakten, die du rationalisieren oder metaphysisch aufladen kannst, deren Form aber immer noch ich bestimme. Versuch es ruhig, die Befehle gebe immer noch ich.
Er hält mir eine Flasche Ouzo entgegen und sagt kurz angebunden Trink! Der Ouzo ist eiskalt, so wie ich ihn mag. Auf den Tisch neben mir stellt König Nihil eine Karaffe mit Eiswasser, er weiß leider wie ich trinke und ist vorbereitet, mir alles so einfach wie möglich zu machen. In sein formloses Gesicht stiehlt sich ein breites Grinsen, als ich die Flasche entkorke. Das Ploppen klingt wie der Schrei eines Neugeborenen, Anisgeruch erfüllt den Raum. Ich gieße die klare Flüssigkeit in ein Glas und vermische sie mit Wasser. Die Flüssigkeit verfärbt sich milchig weiß. Ich sehe die weiße Logik immer schon bevor ich trinke, nie leuchtet das weiße Licht des Alkohols heller als wenn ich noch nüchtern bin. Deshalb trinke ich ja. Die Filter, die König Nihil und seine Heerscharen abhalten, lassen sich erst errichten, wenn ich mich taub getrunken habe. Alle meine Arbeiter sind Zerdenker, die erst handeln, wenn das denkende Organ ausgeschaltet und in Watte gepackt ist. Je mehr ich trinke, desto durchsichtiger wird König Nihil. Aber sein Grinsen bleibt, da er immer gewinnt.
Aus dem Aufbahrungsraum höre ich einen Schrei und Würgegeräusche, gerade so, als würde sich jemand übergeben. Deine Lebensgefährtin stürzt mit einem wirren Blick aus dem Raum, Erbrochenes klebt an ihrer Unterlippe, an mir vorbei und auf die Damentoilette. Ich leere das Glas, greife mit der anderen Hand nach der Flasche Ouzo und begebe mich leicht torkelnd zum Aufbahrungsraum. Das Klicken der Tür, die hinter mir ins Schloss fällt, klingt wie der Todesschrei eines Neugeborenen.