Es gibt eine Frage, die mich hin und wieder beschäftigt und die erneut verlangt gestellt zu werden: woran liegt es, dass der Großteil der Leute literarische Texte so schlecht liest? Was meine ich damit? Stellen wir uns vor, jemand schreibt einen Text aus der Ich-Perspektive und thematisiert dabei Tabuthemen oder stellt bestimmte Situationen überspitzt da. Zum Beispiel schreibt Josef Winkler in Friedhof der bitteren Orangen u.a. folgendes:

Der sechzehnjährige Junge, der mit einer kaputten Geige am Ufer des Meers einen zappelnden Fisch erschlug, steckte in seiner Badehütte am Lido di Ostia sein Glied in den ausgeweideten Bauch eines Fisches. Zwischen den winzigen spitzen Zähnen des Fischmauls rann sein Samen und tropfte auf seine sandigen Turnschuhe (Winkler 2012: 246f.).

Oder an späterer Stelle etwa:

Er ließ es zu, daß ich in der Harnröhre seines Glieds verschwand, bis zu seinem Hoden vordrang und in seinem sumpfigen Samen watete. […] Wenn ich nur seinen Samen, den er in meinen Darm gestoßen hatte, in meinem Körper konservieren könnte! Ich wäre bereit, die Läuse aus seinen Schamhaaren zu zupfen und, wie die Affen im Zoo der Villa Borghese, einzeln aufzuessen (ebd.: 276f.).

Man mag nun zu dem Schluss kommen, dass das was Winkler dort schreibt, weil er es aus der Ich-Perspektive schreibt, auch wirklich so meint. Das hier nicht etwa ein Ich-Erzähler, der mit dem Autor des Textes nicht identisch ist, über seine Zeit in Italien und insbesondere in der Kapuzinergruft in Palermo berichtet, sondern Josef Winkler uns ganz unvermittelt und literarisch verziert an seinem Italien-Urlaub teilhaben lässt.
Vielleicht bewertet man den Inhalt der Schilderungen sogar und befindet diese als“krass“ oder „extrem“, „ekelhaft“ oder „widerwärtig.“ Vielleicht rufen die Schilderungen aber auch nur ein gelangweiltes Gähnen hervor.
Wenn man den Inhalt nun tatsächlich „ekelhaft“ findet und darüber hinaus nicht in der Lage ist das Erzähler-Ich von der Person Josef Winkler zu trennen, der wird zu dem Schluss kommen, dass Josef Winkler ein Perversling ist, der Sechzehnjährigen dabei zusieht wie sie ihr Glied in Fische stecken und der beim gleichgeschlechtlichen Sex am liebsten die Filzläuse aus den Schamhaaren seines Partners zupfen und essen will.
Wenn man das nicht nur empörenswert sondern auch für so falsch befindet, dass man denkt öffentlich Stellung dazu beziehen zu müssen, hat man dank Facebook oder irgendwelcher Kommentarspalten irgendwelcher Websites genug Gelegenheit dies zu tun. Wenn man darüber hinaus der Illusion erlegen ist, dass soziale Medien wie Facebook kein öffentlicher Raum sind, wird man möglicherweise sogar etwas weniger über das nachdenken, was man da so sagt und Josef Winkler ganz offen als „Perversling“ beschimpfen oder jemand, den man „aussortieren muss“ oder der „an die Wand gestellt gehört.“
Josef Winkler hat jedoch Glück. Nicht nur ist er ein etablierter Autor, er ist darüber hinaus auch ein Mann. Würde man in der oben geschilderten Situation Josef Winkler mit Vergewaltigung o.ä. drohen? Würde man seine Adresse veröffentlichen und darum bitten ihn „herzubringen“, damit er mal „getreten und zerfickt“ wird? Würde man ihm unterstellen, dass er „unterfickt“ sei oder, dass er „zwangssterilisiert“ werden muss und dass diese „Drecksau […] in ein Arbeitslager“ gehört? Rhetorische Fragen. Höchstwahrscheinlich nicht. Bei weiblichen Autoren, die persönlich empörenswerte Dinge schreiben, scheint die Sachlage allerdings anders zu liegen. Da gehört es ja beinahe zum guten Ton die Frau an ihren angestammten Platz zurückzuficken.
Wenn eine Frau dann Autorin ist und dann auch noch was schreibt, was man nicht versteht, weil man bspw. die Autorin Stefanie Sargnagel nicht vom Erzähler-Ich ihrer Texte trennen kann oder will (!) – neben den vielen anderen Dingen, die man nicht versteht – dann droht man öffentlich halt mit Vergewaltigung oder Tötung.
Dass es bei Empörungen in den sozialen Medien geblieben wäre, ist aber untertrieben, immerhin ging ein Großteil der Agitation von den österreichischen Boulevard-Medien wie der Krone oder dem ebenso degenerierten Wochenblatt Wochenblick aus. Achja, der beinahe-Bundespräsident Hofer stimmt in den Kanon mit ein.
Doppel-Achja: das FB-Profil der Autorin wurde für dreißig Tage gesperrt, weil der Algorithmus, der sich um die Aussortierung gemeldeter Profile kümmert Scheiße ist. Was eine ganz andere Frage aufwirft: können Algorithmen eigentlich rassistisch sein? Antwort: Irgendwie schon.
Das kann Sargnagel einerseits recht sein, weil sie durch die ganze Chose eine Öffentlichkeit bekommt, die ihr potenzielle neue Follower, Fans und Unterstützer einbringt (mich unter anderem auch), andererseits zeigt das auch, dass hier der Versuch unternommen wird Autoren durch das  (absichtliche) Falschverstehen ihrer Texte den Mund zu verbieten.


Literatur:

Josef Winkler: Der Friedhof der bitteren Orangen. Suhrkamp, 4. Auflage 2012.