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Übermorgen gebe ich die Masterarbeit ab. Fertig geschrieben ist sie. Heute lege ich einen Ruhetag ein, nehme mir die Zeit mal nicht darüber nachzudenken, ob ich das Privatsprachenargument richtig dargestellt habe und ob ich das erste Kapitel von Infinite Jest nicht viel besser hätte interpretieren können. Ich habe mich daher heute u.a. dem nicht-akademischen Schreiben gewidmet und einen Text für Projekt .txt geschrieben. Worum es dabei geht, zitiere ich dreisterweise mal direkt von der Homepage:

Das Projekt kurz erklärt: Wir liefern dir jeden Monat ein Wort frei Haus, du schreibst einen Text, veröffentlichst ihn dann, wir teilen ihn auf unseren Kanälen. (Projekt .txt)

„Die perfekte Gelegenheit, um nach zwangsweiser Prosaabstinenz wieder anzufangen“, dachte ich mir und habe zum diesmonatigen Wort „Fernweh“ einen kleinen Text geschrieben, den unter diesem Beitrag und dann später auch auf der Seite des Projekt .txt findet. Wer nicht nur meinen Text lesen will, sondern es interessant findet selber etwas einzureichen, kann das auf der Homepage machen.


Wenn sie sich wirklich fragt, ob sie Fernweh hat, weiß sie, dass diese Frage bisher immer nur eine Antwort hat. Und wenn sie sich darüber hinaus fragt, nach welchem Ort sie Fernweh hat, verwundert es sie selbst, wie augenblicklich und spezifisch ihr Gehirn eine Antwort liefert. Kaleidoskopartig fächern sich Szenen und Worte vor ihr auf und sie ist wieder in einem dunklen Kühlraum in einer Scheune in Carrick-on-suir.
Auch wenn sie nichts sehen konnte, wusste sie, dass im Regal rote Beete lag, an der noch Erde klebte. Verkrüppelter Topinambur, der wie der Finger eines in Ungnade gefallenen Yakuza aussah, neben Karotten und Kartoffeln. Davor, an den Streben des Holzregals mit blauer Kordel festgebunden die gerupften, ausgenommenen und mit dem Hals nach unten gehangenen Truthähne. Es roch nach Gummistiefeln und Fenchel.
„Was machen wir hier?“, fragte sie in das Dunkel, wusste aber, dass das nur eine rhetorische Frage sein konnte. Ihre Hände umklammerten seine Arbeitsklamotten. Sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht und zog ihn an sich. Der Kuss dauerte unendlich lange, aber niemals lange genug.
Sie blinzelt kurz. „Liebst du mich eigentllich?“, fragte sie neben ihm liegend. Der Schweiß auf ihrer Haut trocknete und hinterließ salzige Stellen. Warum sie das fragte, wusste sie nicht. Sie wüsste keine Antwort. Der Sex war okay und überbrückte die Einsamkeit. Ihr Typ war er eigentlich nicht. Er blickte sie stumm und etwas verwirrt an. Hatte sie sich nicht bisher geweigert über das zu reden, was sie beide da taten? Was sie da hatten? Warum jetzt also diese Frage? Ihre Finger strichen über die Aknenarben auf seinem Gesicht, über den Kehlkopf, bis hinunter zu seiner Brust. Sie wollte ihm weh tun. Sich auf ihn setzen, in seine Brusthaare krallen und diese büschelweise ausreißen. So sehr liebte sie ihn.
Immer wenn sie sich fragt, ob sie Fernweh hat, dann weiß sie, dass es darauf nur eine Antwort geben kann. Und wenn sie sich darüber hinaus fragt, nach welchem Ort sie Fernweh hat, dann färben sich ihre Gedanken smaragdgrün und in ihr Fernweh mischt sich diese besondere Art von freudiger Trauer, die nur Éire eigen ist.